#49 Longevity Monatsupdate: Lampe gegen Demenz I Cortisol einfach messen I Verlängert Aspirin das Leben?
Was hat sich in den letzten vier Wochen in der Longevity-Forschung getan, und was davon ist für dich wirklich relevant? Im LONGGAME-Monatsupdate für September gehen Markus und Laurenz die wichtigsten Neuigkeiten durch, sortiert nach den drei Kategorien Tech und Zukunft, Personen und Wissen. Wie immer wissenschaftlich eingeordnet und mit der Frage, was du konkret damit anfangen kannst.
Themen:
- Intro (00:00)
- Stress messen (01:53)
- Lampe gegen Alzheimer (10:25)
- Cholesterin und Zyklus (20:48)
- Aspirin: neue Studienerkenntnis (27:17)
Show Notes
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Stress messen: Cortisol so einfach wie Blutdruck (01:53)
- Cortisol als Stresshormon: Cortisol wird bei Stress verstärkt ausgeschüttet und wirkt auf den Sympathikus und die Ausschüttung von Adrenalin. Damit beeinflusst es Blutdruck, Herz-Kreislauf-Risiko und Schlaf. Abends ist Cortisol der Gegenspieler von Melatonin: Bleibt es hoch, signalisiert es dem Körper, dass noch Tag ist.
- Der Tagesverlauf zählt: Gesund ist ein hoher Peak am Morgen und ein deutlicher Abfall bis zum Abend, passend zur circadianen Rhythmik. Entscheidend für das Altern ist laut neueren Daten weniger ein dauerhaft hoher Wert, sondern wie dynamisch das Profil ist. Mit dem Alter wird der Abfall flacher, und ein flacheres Profil hängt mit schlechterer Gesundheit zusammen. Meta-Analyse zu Cortisol-Tagesprofilen
- Bisherige Messung: Über Blutabnahme oder Speichel-Proben, die zu mehreren Zeitpunkten am Tag gesammelt und ins Labor geschickt werden. Das liefert ein gutes Tagesprofil, ist aber aufwendig und dauert einige Tage. LONGGAME arbeitet dafür mit Sapiens zusammen.
- Die Neuheit: Das Gerät von ReMinded Health misst Cortisol aus einem Speichelstäbchen in rund fünf Minuten und gibt einen quantitativen Wert aus. Für ein Tagesprofil misst man mindestens fünf Mal am Tag, gern auch häufiger. Das Prinzip ist ein klassischer Point-of-Care-Test.
- Verfügbarkeit: Aktuell nur in klinischen Testungen, eine Warteliste gibt es, sie wird aber noch nicht bedient. Preise für die Teststäbchen sind noch nicht bekannt. Markus rechnet mit ein bis zwei Jahren, bis das Gerät privat bestellbar ist.
- Einordnung: Markus ist bei Wearables oft skeptisch, hier aber nicht, weil das Gerät einen direkt gemessenen Wert liefert und keinen indirekt hergeleiteten. Wichtig ist, Konsequenzen daraus zu ziehen: Passen die Werte nicht, geht es nicht darum, sich zusätzlich verrückt zu machen, sondern mit jemandem gemeinsam Tagesstruktur und Umgang mit Stress anzugehen.
Lampe gegen Alzheimer: 40 Hertz für synchrone Hirnströme (10:25)
- Was im Gehirn passiert: Bei der Alzheimer-Krankheit lagern sich Proteine wie Beta-Amyloid im Gehirn ab. Gleichzeitig verlieren die Nervenzellen ihren gemeinsamen Takt. Gesunde Neuronen feuern synchron, messbar als Gammawellen im Bereich von etwa 30 bis 50 Hertz. Markus vergleicht das mit einem Chor: mit Dirigent harmonisch, bei Alzheimer ein Durcheinander. Mehr zu Demenz-Prävention in Folge 3.
- Licht als Taktgeber: Licht, das 40 Mal pro Sekunde wechselt, gelangt über die Augen ins Gehirn und kann die Hirnströme wieder synchronisieren. In Mausversuchen ließ sich das mit Methoden aus der Optogenetik direkt an den Nervenzellen nachweisen.
- Nachweis beim Menschen: Mit EEG und MRT sieht man, welche Hirnareale reagieren. Bei Menschen mit Epilepsie, die zur Therapie Elektroden im Gehirn tragen, konnte man die 40-Hertz-Antwort direkt messen. Studie zur 40-Hertz-Antwort im menschlichen Hippocampus
- Effekte bei Alzheimer: In der Behandlung zeigten sich bessere Ergebnisse in Leistungstests und ein ruhigerer Tag-Nacht-Rhythmus. Außerdem werden Mikroglia, die Fresszellen des Gehirns, aktiviert und bauen Ablagerungen ab. Langzeitdaten des MIT zur 40-Hertz-Stimulation
- Die Neuerung: Klassische Stroboskop-Lampen flackern hell-dunkel und sind auf Dauer anstrengend. Die EVY LIGHT von OptoCeutics wechselt stattdessen zwischen fast gleichen, cremeweißen Lichtfarben. Das Auge nimmt das Flackern kaum wahr, der Effekt ist nur minimal schwächer. Studie zum unsichtbaren Spektral-Flackern
- Anwendung und Kosten: Laut Folge rund 3.000 Euro. Täglich etwa 15 bis 20 Minuten, Tageszeit egal. Die Lampe steht seitlich in rund 20 Zentimetern Abstand, nebenbei kann man lesen.
- Einordnung: Für die Prävention eher Mikro-Optimierung. Schlaf, niedrige Entzündung und eine gute Durchblutung des Gehirns sind die deutlich größeren Hebel. Interessant wird die Lampe bei familiärer Vorbelastung oder genetischem Risiko, dann ab etwa den 30ern, auch wenn es dazu noch keine Studien gibt. Bei bereits bestehenden Demenz-Symptomen kann sie potenziell Linderung verschaffen.
Cholesterin und Zyklus: Warum der Messzeitpunkt zählt (20:48)
- Der Anlass: Kate Tolo, Partnerin von Bryan Johnson, hat bei sich selbst gemessen, dass ihr Cholesterin mit dem Zyklus schwankt, und das öffentlich gemacht. Neu ist die Erkenntnis nicht, sie wurde aber bisher kaum besprochen.
- Der Mechanismus: In der ersten Hälfte des Menstruationszyklus, der Follikelphase, steigt Östrogen bis zum Eisprung an. In der zweiten Hälfte, der Lutealphase, dominiert Progesteron. Östrogen hebt das Gesamtcholesterin, fällt es ab, sinkt auch das Cholesterin. Studie: Mumford et al. 2010 (BioCycle)
- Die Größenordnung: In der ersten Zyklushälfte liegt das Cholesterin etwa 10 bis 13 Prozent höher. Bei Männern ist der Wert über den Monat stabil, bei Frauen verläuft er wie eine Sinuskurve.
- Warum das für die Therapie zählt: Wird in der zweiten Zyklushälfte gemessen, wirkt ein Wert womöglich unauffällig, obwohl er in der ersten Hälfte behandlungsbedürftig wäre. Die Therapieentscheidung sollte sich am höchsten Wert orientieren, denn sonst ist man die Hälfte der Zeit in einem nicht optimalen Bereich. Warum ein zu hohes Cholesterin so viel Schaden anrichtet, erklären wir in Folge 2.
- Praxis-Tipp: Den Blutwert am besten ein bis zwei Tage nach der Regelblutung abnehmen lassen. Liegt die Messung später im Zyklus, grob 10 Prozent auf den Wert aufschlagen.
- Frauen sind keine kleinen Männer: Viele Referenzwerte stammen aus Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern. Dass Frauen anders funktionieren, kommt erst langsam in der Praxis an, ähnlich wie bei Markern wie Lp(a) und ApoB. LONGGAME rechnet die Zyklusphase inzwischen direkt in die Auswertung der Blutwerte mit ein.
Aspirin: Verlängert es das Leben? (27:17)
- Die häufigste Frage in der Praxis: Viele Patienten fragen Markus, ob sie vorsorglich Blutverdünner wie Aspirin nehmen sollten, um länger zu leben. Die kurze Antwort: nein.
- Wirkung hängt von der Dosis ab: Um 100 mg wirkt Aspirin vor allem blutverdünnend, weil es die Thrombozyten daran hindert, ein Gerinnsel zu bilden. Ab etwa 500 mg wirkt es schmerzlindernd und entzündungshemmend.
- Die Hoffnung: Weniger Plättchen an den Gefäßwänden und weniger Entzündung sollten weniger Arteriosklerose, weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle bedeuten.
- Das Ergebnis: Zwei Gruppen, eine mit, eine ohne Aspirin, über rund fünf Jahre beobachtet. Bei Herzinfarkt, Schlaganfall und Sterblichkeit landeten beide nahezu gleich. In der Primärprävention bringt Aspirin also keinen zusätzlichen Nutzen. Studie: McNeil et al. 2018 (ASPREE)
- Entzündungshemmung rechnet sich nicht: Für einen spürbaren Effekt auf Entzündungen bräuchte es hohe Dosen. Damit steigt aber das Risiko für Hirnblutungen und Magen-Darm-Blutungen stark an.
- Wann Aspirin sinnvoll bleibt: Wenn bereits Plaques bestehen, etwa im Ultraschall der Halsschlagader festgestellt (mehr dazu in Folge 4), oder nach einem Stent. Dann hat Aspirin seine klare Berechtigung, natürlich in Absprache mit dem behandelnden Arzt.
- Das große Bild: Was in der Theorie logisch klingt, funktioniert im Körper nicht automatisch. Das gilt für Aspirin genauso wie für viele Ansätze in der Longevity-Forschung, etwa bei Peptiden. Deshalb lohnt es sich, auf belastbare Studien zu warten.
Hinweis: Wo sinnvoll, haben wir weiterführende Artikel und Produkte, über die wir sprechen, hier verlinkt. Wir haben mit den verlinkten Artikeln und Produkten keine Geschäftsbeziehung oder werden für die Nennung vergütet.
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