#17 Stefans Longevity-Reise (1/3): Der unbemerkte Bluthochdruck
Stefan, Mitgründer von LONGGAME und immocation, ist mit einem operierten Herzfehler aufgewachsen – und lief trotzdem über 20 Jahre mit einem unbehandelten Bluthochdruck durchs Leben, ohne es zu wissen. In Teil 1 seiner Reise erzählt er, wie er sich kerngesund fühlte und in Wirklichkeit krank war, was ihn das gelehrt hat und warum die wichtigste Lektion lautet: Um deine Gesundheit kümmert sich niemand außer dir selbst.
Themen:
- Intro: Niemand kümmert sich um deinen Blutdruck – außer du selbst (00:00)
- Stefans wilde Zwanziger und der erste Wendepunkt (01:59)
- Miracle Morning, Freeletics und die immocation-Gründung (03:36)
- Der angeborene Herzfehler: Was ist eine Aortenisthmusstenose? (09:10)
- Jahrelang „gesund“ – bis zum Zufallsbefund beim Kardiologen (13:13)
- Die Diagnose: am falschen Arm gemessen (14:37)
- Was ist optimaler Blutdruck? 120/70 und die SPRINT-Studie (16:52)
- Was Bluthochdruck im Körper anrichtet (20:56)
- 30 % der Gesellschaft – und warum Eigenverantwortung zählt (26:06)
- Belastungs-EKG, ein Schreck und der Start der Selbstversuche (31:00)
- Was wirklich wirkt: Salz, Rote Bete, Hibiskus, Alkohol & Co. (36:31)
- Die richtige Reihenfolge: erst Medikament, dann Lifestyle (46:17)
- Essenzieller vs. sekundärer Bluthochdruck (56:26)
- Die Medikamentenreise: Sartan, Kalziumblocker, HCT, SGLT2 (1:02:00)
- Stress, Cortisol und die Bali-Anekdote (1:07:51)
- Indapamid: perfekte Werte, heftige Nebenwirkungen (1:12:42)
- Was Stefan sonst verändert hat: Rauchen, Alkohol, Sport (1:20:50)
- Was er gerne 15 Jahre früher gewusst hätte (1:28:50)
- Ausblick auf Teil 2 (1:35:36)
Show Notes
Vom unsportlichen Zwanziger zur Eigenverantwortung
- Stefan beschreibt seine Zwanziger offen als wilde Zeit mit viel Alkohol, Rauchen und sehr wenig Rücksicht auf den eigenen Körper – kombiniert mit hartem Arbeiten und chronischem Stress. Der Körper verzeiht das in dem Alter erstaunlich lange, was die eigentliche Gefahr ist: Man merkt nichts.
- Der erste Wendepunkt kam mit Ende 20 über das Buch Miracle Morning und ein zeiteffizientes Bodyweight-Programm (Freeletics). Sport brachte das Körperbewusstsein zurück, die alten Gewohnheiten blieben aber zunächst.
- Mit der Gründung von immocation wuchs der Anspruch, die beste Version seiner selbst zu sein. Über ein Ernährungsbuch begann Stefan, sein Verhalten erstmals strukturiert zu hinterfragen – der Einstieg in ein jahrelanges Gesundheitsprojekt.
Der angeborene Herzfehler – und warum ihn 20 Jahre niemand ernst nahm
- Stefan kam mit einer Aortenisthmusstenose zur Welt – einer angeborenen Engstelle der Hauptschlagader – und musste als Säugling am Herzen operiert werden. Markus erklärt, warum eine solche Engstelle die Blutversorgung des Körpers gefährdet und früh behoben werden muss.
- Nach vielen Kontrolluntersuchungen galt das Kind irgendwann als gesund, die Termine rissen ab. Stefan lief mit dem Gedanken „da war mal was, aber ich bin gesund" ins Erwachsenenleben.
- Erst ein Zufall in der Corona-Zeit (2019/2020) brachte die Wende: Ein Kardiologe hatte Leerlauf, Stefan ging spontan vorbei – und der fing an, gründlich zu messen.
Die Diagnose: Bluthochdruck, am falschen Arm gemessen
- Der Kardiologe stellte fest, dass Stefans linker Arm durch die OP nicht regulär wird – Blutdruck links zu messen liefert bei ihm falsche Werte. Korrekt rechts gemessen zeigte sich ein deutlicher Hypertonus.
- Eine 24-Stunden-Blutdruckmessung (der Goldstandard) bestätigte es: 146 im Tagesmittel systolisch, mit Spitzen bis 160–165 im normalen Alltag. Optimal wären unter 120/70.
- Das Erschütternde: Stefan war über Jahre regelmäßig beim Arzt, hatte eine bekannte Herzvorgeschichte in der Akte – und trotzdem wurde sein Blutdruck nie ernsthaft eingeordnet, sondern weggeschoben („gerade Treppe gelaufen", „Aufregung").
Warum 120/70 das Ziel ist – und was zu hoher Druck anrichtet
- Der erste Wert (systolisch) entsteht beim Pumpen, der zweite (diastolisch) ist die Grundspannung im Gefäßsystem. Lange galt der Bereich 130–140 als „hochnormal" – heute ordnet man alles über 120/70 als erhöht ein.
- Hintergrund ist die SPRINT-Studie: Sie verglich ein Blutdruckziel unter 120 mit dem klassischen Ziel unter 140 und musste aus ethischen Gründen vorzeitig abgebrochen werden, weil die höhere Gruppe deutlich mehr Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle erlitt. Zwischen 120 und 146 liegen also keine Nuancen, sondern Größenordnungen an Risiko.
- Markus erklärt den Mechanismus: Zu hoher Druck erzeugt Scherkräfte an den Gefäßwänden, fördert Entzündung und damit Atherosklerose (Verkalkung). Vor allem aber leiden die feinsten Gefäße in den Organen – Nieren, Augen, Gehirn werden chronisch geschädigt. Wer mehr zur Mechanik von Herzinfarkt und Plaques wissen will, findet das in Folge 2.
„Einen Tag Bluthochdruck zu haben ist harmlos. Das Problem ist die Dauer – Stefan nennt es das ‚Area-under-the-curve‘-Prinzip: Es zählt die Summe der Jahre mit schlechten Werten, und verlorene Jahre holst du nicht zurück.“
„Es kümmert sich niemand außer dir selbst"
- Rund 30 % der Gesellschaft haben einen Blutdruck über 140/90 – und der Bereich 120–140 ist darin noch gar nicht enthalten. Viele fühlen sich dabei kerngesund, weil zu hoher Druck schlicht keine Symptome macht; manche fühlen sich sogar leistungsfähiger.
- Stefan zieht die Parallele zu immocation und den Finanzen: So wie sich niemand um deine Altersvorsorge kümmert, kümmert sich niemand um deinen Blutdruck, deine Blutfette wie Lp(a) (mehr dazu in Folge 6) oder dein Trainingsprogramm. Gesundheit ist ein Long Game: früh investieren oder später teuer bezahlen.
- Genau dieses stille, jahrzehntelange Mitlaufen ohne Symptome macht Vorsorge so wichtig – und ist der Grund, warum LONGGAME zu den großen Themen eine eigene „Getting Started"-Serie aufgenommen hat, inklusive einer eigenen Blutdruck-Folge (Folge 5).
Stefans Selbstversuche: Was wirklich wirkt (und was nicht)
- Nach einem Belastungs-EKG, das wegen Werten Richtung 250 mmHg abgebrochen wurde, bekam Stefan ernsthaft Angst – und wurde zum Blutdruck-Experten in eigener Sache. Er legte eine Excel-Tabelle an, änderte systematisch jeweils eine Variable und beobachtete sie über 14 Tage.
- Die Liste der getesteten Lifestyle-Hebel ist lang: salzarme Ernährung, Rote-Bete-Saft (liefert Stickstoffmonoxid, das die Gefäße weitet), Hibiskustee, Koffein-Verzicht, Alkohol- und Rauchstopp, Ausdauersport, Blutspenden und sogar mehrtägiges Wasserfasten.
- Roter Faden der Mechanik: Vieles wirkt über Volumen (Salz bindet Wasser und erhöht den Druck) oder über die Gefäßelastizität (Rauchen versteift die Wände). Ehrliches Fazit: Bei Stefan brachte keine einzelne Maßnahme eine statistisch belastbare Senkung – auch, weil er ohnehin schon gesund lebte. Bei anderen Menschen können dieselben Hebel große Wirkung haben.
Lifestyle oder Medikament? Die richtige Reihenfolge
- Anders als bei Blutfetten plädiert Markus beim Blutdruck dafür, einen klaren Zeitrahmen zu setzen: ein Testfenster von etwa drei Monaten für ein bis zwei Lifestyle-Faktoren. Greifen sie nicht, kommt das Medikament – sonst verschenkt man wertvolle Zeit mit dauerhaft schädlichen Werten.
- Danach kann man in Ruhe weitertesten und im Verlauf einen Auslassversuch machen, also die Dosis wieder reduzieren, wenn der Lebensstil greift. Die Reihenfolge ist also nicht „Medikament für immer", sondern „erst Risiko rausnehmen, dann optimieren".
- Wichtig: Die gängigen Blutdruckmedikamente sind sehr gut erforscht und für die meisten Menschen nebenwirkungsarm. Berührungsängste sind selten begründet.
Essenzieller vs. sekundärer Bluthochdruck – Stefans Sonderfall
- Man unterscheidet den essenziellen (oft genetisch/altersbedingt) vom sekundären Bluthochdruck, der eine konkrete Ursache hat – etwa verengte Nierenarterien oder Hormonstörungen.
- Stefans Aortenisthmusstenose zählt zum sekundären Formenkreis, der bekanntermaßen hartnäckiger auf Medikamente reagiert. Hellhörig wird man, wenn jemand trotz drei bis vier maximal dosierter Mittel nicht heruntergeht.
- Bei Stefan ist zusätzlich der Aldosteron-Renin-Quotient auffällig gestiegen – ein Hinweis, dem Markus und er aktuell weiter nachgehen.
Die Medikamentenreise und das Volumen-Spannungs-Prinzip
- Durchgespielt wurden mehrere Wirkstoffgruppen: ein Sartan (blockiert den Angiotensin-Rezeptor, entspannt die Gefäße), ein Kalziumkanalblocker (verhindert das Zusammenziehen der Gefäßmuskulatur), das entwässernde HCT und ein SGLT2-Hemmer (scheidet Zucker und damit Wasser aus).
- Daraus wird ein einfaches Denkmodell: Blutdruck steigt entweder, weil die Gefäße zu eng/steif sind, oder weil zu viel Volumen im System ist. Fast alle Medikamente setzen an genau einem dieser beiden Hebel an.
- Spannend für Laien: Bluthochdruck ist meist keine Erkrankung des Herzens, sondern des Gefäßsystems. Das Herz arbeitet nur permanent gegen einen zu hohen Widerstand an. Die ersten zehn bis zwölf Punkte Senkung erreichte Stefan ohne jede Nebenwirkung.
Stress, Cortisol und die Grenzen des „entspann dich mal"
- Cortisol und der Sympathikus verengen unter Stress die Gefäße und treiben Puls und Schlagvolumen hoch – sinnvoll im Kampf, schädlich als Dauerzustand. Im Ayurveda-Urlaub auf Bali war Stefans Blutdruck plötzlich perfekt, was neben weniger Stress auch an Hitze und Schwitzen lag (Markus stellt im Sommer bei vielen Patienten die Dosis herunter).
- LONGGAME nimmt den Ratschlag „arbeite weniger, stress dich nicht" bewusst nicht als Lösung: Die meisten wollen mitten im Leben stehen, etwas aufbauen und Leistung bringen. Es braucht Wege, die beides zusammenbringen.
- Mit dem Medikament Indapamid in Höchstdosis erreichte Stefan erstmals seinen Zielwert von 117/63 – allerdings um den Preis heftiger Nebenwirkungen bis hin zu einer beginnenden Niereninsuffizienz. Klare Lehre: Das ist nicht sein Medikament, und so starke Senkungen müssen schrittweise und engmaschig kontrolliert erfolgen.
Was Stefan heute anders macht – und was er früher gewusst hätte
- Aus der Blutdruck-Erfahrung wuchs ein „Sense of Urgency": Stefan stellte Ernährung, Alkohol und Rauchen radikal um und verankerte Sport fest im Alltag – etwa als nüchterne Cardio-Einheiten auf dem Crosstrainer im Büro. Der spürbar höhere Energielevel im Hier und Jetzt wurde zum eigentlichen Antrieb.
- Sein Gegenbeispiel ist Marco: Blutdruck leicht erhöht, ein Medikament, Thema erledigt. Die Botschaft: Stefans Fall ist ein Edge Case, aber fast jeder hat irgendein Thema, bei dem er dieses Detail-Level braucht.
- Rückblickend ärgert ihn vor allem, bei manchen Themen acht bis neun Jahre verloren zu haben – weniger als persönliches Versagen, mehr als Systemfehler: Niemand machte ihm klar, dass ein operierter Herzfehler eine lebenslange Kontroll-Aufgabe bedeutet. Heute fühlt er sich „angekommen", weil er einmal im Jahr mit Markus das Gesamtbild durchgeht.
„Stefan bringt es auf den Punkt: Hätte es LONGGAME vor zehn Jahren schon gegeben, hätte er vermutlich 90 % davon umgesetzt – und sich viele verlorene Jahre gespart.“
Hinweis: Wo sinnvoll, haben wir weiterführende Artikel und Produkte, über die wir sprechen, hier verlinkt. Wir haben mit den verlinkten Artikeln und Produkten keine Geschäftsbeziehung oder werden für die Nennung vergütet.
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