#20 Fit und trotzdem nicht gesund – Florians Story
Man kann schlank sein, mehrmals pro Woche trainieren und sich gut ernähren – und trotzdem ein ernstes, völlig unbemerktes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall mit sich herumtragen. Florian ist genau so ein Fall: topfit, seit Jahren sportlich, ernährungsbewusst – und mit zwei Baustellen, die seine Gesundheit langfristig massiv gefährdet hätten. In dieser Teilnehmerstory erzählt er gemeinsam mit Markus, wie die beiden sein Risiko gefunden und in den Griff bekommen haben.
Themen:
- Intro: Kann man topfit und trotzdem nicht gesund sein? (00:00)
- Wer Florian ist (02:14)
- Florians Ausgangslage: fit, aber Gesundheit nur reaktiv (03:07)
- Die große Bestandsaufnahme (05:59)
- Kurz erklärt: 24-Stunden-Blutdruck und Lp(a) (09:10)
- Bluthochdruck: bekannt, familiär, jahrelang nur beobachtet (11:11)
- Warum Abwarten hier der falsche Weg ist (13:17)
- Medikamente als Chance, nicht als Krankheit (16:35)
- Candesartan und Amlodipin: die ersten Schritte (21:08)
- Was 150 zu 90 wirklich gefährlich macht (27:19)
- Warum kein Beta-Blocker (28:39)
- Drittes Medikament und die Urlaubswerte (31:44)
- Florians Routinen: Planung und Sport im Kalender (37:56)
- Wie verbreitet unbemerkter Bluthochdruck ist (45:39)
- Cholesterin und Lp(a): die überraschende Diagnose (47:33)
- Lp(a), junge Herzinfarkte und die Familiengeschichte (51:09)
- Statin, Krämpfe und die richtige Kombination (57:50)
- Performance erhalten statt nur Laborwerte (1:06:49)
- Umsetzung im Alltag: Systeme, Protein, Familie (1:08:52)
Show Notes
Topfit und trotzdem nicht gesund: worum es in dieser Folge geht (00:00 – 05:59)
- Die Ausgangsfrage: Kann man rundum fit sein und trotzdem Prozesse im Körper haben, die einem irgendwann gefährlich werden? Die Antwort lautet ja – und Florians Geschichte zeigt, wie so etwas konkret aussieht.
- Wer Florian ist: Familienvater von drei Kindern und Geschäftsführer im Profisport, selbst aus dem Leistungssport kommend. Sport und Ernährung waren bei ihm seit Jahren etabliert.
- Der blinde Fleck: Beim Thema Gesundheit war Florian bisher eher Konsument – man geht zum Arzt, wenn etwas zwickt. Den Gedanken, Gesundheit genauso aktiv und vorausschauend zu managen wie sein Training, hatte er für sich erst entwickelt.
„Wir wollen schneller sein als ein Bodybuilder und stärker als ein Marathonläufer." – Markus
Die Bestandsaufnahme: zwei Risiken, die niemand gespürt hat (05:59 – 11:11)
- Die große Standortbestimmung: Trotz sehr guter Grundvoraussetzungen kamen zwei medizinische Themen ans Licht, die in Florian schlummerten – ohne dass er je etwas davon gemerkt hätte.
- Erhöhter Blutdruck: In der 24-Stunden-Blutdruckmessung zeigte sich unter Alltagsbedingungen ein Schnitt von rund 150 zu 90 – weit über dem Zielbereich von 120/80. Wie und warum man über einen ganzen Tag misst, vertiefen wir in Folge 5.
- Erhöhtes Lipoprotein(a): Ein genetischer Marker, der bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung erhöht ist und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen unabhängig nach oben treibt. Florians Wert lag bei 59 mg/dl.
- Erhöhtes ApoB: Dazu kam ein erhöhtes Apolipoprotein B, also ein Hinweis auf zu viele atherogene Blutfett-Partikel. Zwei, drei Risikofaktoren zusammen multiplizieren sich – sie addieren sich nicht nur.
Bluthochdruck: warum „beobachten" hier der falsche Weg war (11:11 – 21:08)
- Lange bekannt, nie behandelt: Florian wusste aus dem familiären Umfeld von seinem Thema, hatte sogar schon vor Jahren eine 24-Stunden-Messung. Die ärztliche Botschaft war stets: jung, sportlich, „beobachten wir mal".
- Warum das hier nicht reicht: Bei jemandem, der schlank und trainiert ist, sich gut ernährt und keinen Salzexzess betreibt, gibt es schlicht keine Stellschraube mehr, auf deren Verbesserung man warten könnte. Sekundäre Ursachen wie hormonelle Störungen oder eine Nierenarterienstenose wurden gezielt ausgeschlossen.
- Medikamente als Chance, nicht als Krankheit: Florian empfand sich nie als Patient. Der gedankliche Schritt, ein Medikament wie ein nützliches Werkzeug zu behandeln – ähnlich wie ein Supplement, das man nehmen darf statt muss – fiel ihm leicht. Genau diese Scheu ist bei vielen Menschen die eigentliche Hürde.
Die Einstellung: von einem Medikament zur Dreierkombination (21:08 – 36:25)
- Schritt 1 – Candesartan: Eines der gängigsten Blutdruckmedikamente. In niedriger Dosierung tat sich bei Florian zunächst fast nichts.
- Schritt 2 – Kombination mit Amlodipin: Ein Calciumkanalblocker, der über einen anderen Mechanismus ansetzt. Erster spürbarer Effekt – aber mit rund 145/85 noch weit vom Ziel entfernt.
- Bewusst ohne Beta-Blocker: Der klassische nächste Schritt gegen Blutdruckspitzen, hier aber gemieden – gerade bei einem Sportler kann ein Beta-Blocker Energie und Leistungsfähigkeit hörbar drosseln.
- Schritt 3 – Hydrochlorothiazid: Ein wassertreibendes Diuretikum, das in halber Maximaldosis den letzten entscheidenden Schub brachte.
- Was hoher Blutdruck wirklich kostet: Schon im Bereich von 120 bis 139 mmHg steigt das relative Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich – eine große Meta-Analyse beziffert es je nach Bereich auf bis zu rund 40 bis 80 Prozent mehr (Meta-Analyse zu Prähypertonie und kardiovaskulärem Risiko). Bei 150/90 läuft man also mit deutlich erhöhtem Risiko herum – ohne es zu spüren.
- Das Ergebnis: Im Schnitt rund 115 bis 120 zu 75. Auffällig: Im Urlaub fiel der Druck auf 105–110, im Job stieg er wieder. Statt weiter aufzudosieren, kam bewusst eine meditative Komponente dazu – kurze Pausen, um das vegetative Nervensystem vom Stressmodus herunterzufahren.
Routinen, die das möglich machen – und wie verbreitet das Problem ist (36:25 – 47:33)
- Warum die Kombination nötig war: Ein einzelnes Medikament hätte – selbst in Maximaldosis – nicht gereicht. Erst mehrere Wirkmechanismen zusammen nehmen dem Körper die Möglichkeit, gegenzuregulieren.
- Spitzen statt Dauerwerte: Florian spürte seinen hohen Blutdruck zu keinem Zeitpunkt – weder vorher noch nachher. Genau das macht das Thema so tückisch.
- Häufiger als gedacht: Nach Markus' Erfahrung taktet rund die Hälfte der eigentlich fitten Menschen tagsüber um die 130 – bei weniger fitten Menschen mit etwas Übergewicht ist ein erhöhter Wert fast die Regel. Oft lässt er sich dort aber über mehr Ausdauer und ein paar Kilo weniger wieder einfangen.
- Florians System: Sporttermine stehen fest im Kalender, nicht zur Diskussion. „Diskutiere morgens nicht mit dir selbst, ob du läufst" – Struktur schlägt Motivation.
Cholesterin und Lp(a): die zweite Baustelle (47:33 – 57:50)
- Komplett neu für Florian: Lipoprotein(a) kannte er vorher nicht – obwohl es einer der wichtigsten genetischen Marker für das Herz-Kreislauf-Risiko ist und sich über Lebensstil nicht senken lässt.
- Die Schwellenwerte: Ab etwa 30 mg/dl beginnt das erhöhte Risiko, ab 50 mg/dl wird es deutlich relevanter – und gilt für rund 20–25 % der Bevölkerung (NLA-Statement zu Lp(a) in der Praxis, Koschinsky et al. 2024; Review zu Lp(a), Duarte Lau et al. 2022).
- Die Familiengeschichte: Florians Großvater hatte einen Herzinfarkt. Markus erzählt aus eigener Familie, wie leicht man frühe Herz-Kreislauf-Ereignisse fälschlich nur dem Lebensstil zuschreibt, obwohl eine genetische Komponente dahintersteckt. Eine Untersuchung von Verwandten ersten Grades deckt solche Fälle auf.
- Werte außerhalb der Longevity-Range: LDL-Cholesterin bei 127 mg/dl, ApoB bei 97 mg/dl – beide im roten Bereich der bewusst strenger gesetzten Longevity-Range, nicht der klassischen Krankheits-Leitlinie. Die Tiefe, wie man Herzinfarkt-Prävention und Blutfette angeht, vertiefen wir in Folge 2 und das Longevity-Blutbild in Folge 6.
Statine, Krämpfe und die richtige Kombination (57:50 – 1:08:22)
- Start mit einem Statin: Rosuvastatin in der niedrigsten Dosis – immer niedrig beginnen, um Verträglichkeit und mögliche Nebenwirkungen an Leber- und Muskelwerten zu beobachten.
- Der ehrliche Nebenwirkungs-Talk: Florian bekam beim Sport deutlich schneller Muskelkrämpfe. Markus, selbst Statin-Nutzer, kennt den dosisabhängigen Effekt aus eigener Erfahrung. Der saubere Beweis: Medikament zwei Wochen weglassen, Beschwerden verschwinden, wieder ansetzen, Beschwerden kommen zurück.
- Die Lösung – eine Kombination: Statt höher zu dosieren, Wechsel auf Ezetimib (hemmt die Cholesterin-Aufnahme im Darm) plus Bempedoinsäure (greift früher im Stoffwechselweg an, mit deutlich weniger Muskelbeschwerden).
- Das Ergebnis: LDL bei 53 mg/dl, ApoB bei rund 51 mg/dl – ein Niveau, das man sonst nur bei Höchstrisikopatienten anstrebt, und das ganz ohne Nebenwirkungen. Dass tieferes ApoB direkt mit weniger Herz-Kreislauf-Ereignissen einhergeht, ist gut belegt (Ference et al. 2019, JAMA).
- Das Prinzip: Das Risiko vom Tisch bekommen, ohne die Performance zu opfern – denn der langfristige Hebel über Sport ist größer als über jeden Laborwert. Lieber eine Extraschleife für die richtige Konstellation drehen, als einen Leistungseinbruch hinnehmen.
Umsetzung im Alltag: Systeme, Sport, Protein, Familie (1:08:22 – 1:25:31)
- Systeme statt Willenskraft: Florian plant Medikamente und Sport als feste To-Dos – so muss er nicht jeden Tag aufs Neue daran denken oder mit sich verhandeln. Dazu feste Fixpunkte alle paar Wochen für Laborkontrolle und Anpassung.
- Krafttraining kompakt: Zweimal pro Woche, mit Supersätzen, um die Zeit im Gym kurz zu halten – inklusive Mobility. Ausdauer kommt teils über den Heimweg vom Gym dazu.
- Ausdauer: Dreimal pro Woche – ein Longrun, eine Intervalleinheit, gelegentlich ein Schwellenlauf, flexibel in die Woche eingebaut.
- Protein: Erst einmal erfassen, was man überhaupt zu sich nimmt – dann Richtung 1,6 g pro kg Körpergewicht auffüllen, mit einfachen Alltagsentscheidungen am Buffet oder unterwegs.
- Familie und Unterstützung: Ein gemeinsames Verständnis in der Familie macht gesunde Ernährung und Sport leichter. Und: sich Unterstützung holen – Arzt, Physio, Partner – ohne die Verantwortung abzugeben. Man bleibt selbst auf dem Fahrersitz.
„Man muss lernen, sich selber mehr wert zu sein." – Markus
Hinweis: Wo sinnvoll, haben wir weiterführende Artikel und Produkte, über die wir sprechen, hier verlinkt. Wir haben mit den verlinkten Artikeln und Produkten keine Geschäftsbeziehung oder werden für die Nennung vergütet.
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