Hinter LONGGAME stehen Dr. Markus Trissler, Facharzt für Innere Medizin und für Kardiologie, und Laurenz Höft. Im LONGGAME Podcast übersetzen sie die Studienlage in Schritte für den Alltag.
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Ernährung

#11 Getting Started 11 - Die Ernährungs-Basics

Markus & Laurenz
Markus & Laurenz

Markus und Laurenz nehmen sich in dieser Folge des LONGGAME-Podcasts eines der heiß diskutiertesten Longevity-Themen an: der Ernährung. Gemeinsam mit Markus, Kardiologe, Internist und Ernährungsmediziner, arbeiten sie das Thema nüchtern, wissenschaftlich und ohne Dogmatismus auf. Ihr Fazit vorweg: Ernährung ist wichtig – aber bei Weitem nicht so entscheidend, wie die öffentliche Debatte suggeriert.

Themen:

  • Warum Ernährung oft überschätzt wird – und was wirklich zählt (00:00)
  • Was sagen die besten Ernährungsstudien? Umbrella-Reviews unter der Lupe (07:48)
  • Fleisch und Krebs: Wie groß ist das Risiko wirklich? (20:08)
  • Das LONGGAME-System: Do’s & Don’ts statt Ernährungsplan (27:11)
  • Protein: Warum du wahrscheinlich zu wenig davon isst (19:18)
  • Kalorien tracken: Sinnvoll – aber mit Bedacht (38:31)
  • Mythen-Check I: Süßstoffe – harmlos oder gefährlich? (42:26)
  • Mythen-Check II: Milchprodukte und Krebs – Was steckt dahinter? (49:28)
  • GLP-1 und die Abnehmspritze: Für wen sinnvoll? (54:02)

Show Notes

Warum Ernährung oft überschätzt wird – und was wirklich zählt (00:00)

  • Das Thema Ernährung bekommt gesellschaftlich einen deutlich zu hohen Stellenwert – gemessen an dem, was es tatsächlich bewirkt
  • Markus ordnet Ernährung in der Longevity-Prioritätenliste auf Platz 5 ein:
  1. Big Fails weglassen: Rauchen, übermäßiger Alkohol – das sind die größten Hebel
  2. Schlaf & Regeneration: Im Schlaf laufen die wichtigsten Regenerationsprozesse ab
  3. Ausdauertraining (aerobe Kapazität / VO2max)
  4. Krafttraining
  5. Ernährung
  6. Nahrungsergänzungsmittel & weitere Optimierungen
  • Wer zum Beispiel eine schlechte VO2max hat und trotzdem zuerst die Ernährung optimiert, setzt am falschen Hebel an

„Ich würde Ernährung ungefähr an fünfte Stelle setzen.“ – Markus

  • Trotzdem: Es gibt einige Basics, die jeder kennen und umsetzen sollte – und genau darum geht es in dieser Folge
  • Wichtig: Es wird ausschließlich auf die physiologische Wirkung von Lebensmitteln eingegangen, nicht auf ethische Aspekte der Nahrungsherstellung

Was sagen die besten Ernährungsstudien? Umbrella-Reviews unter der Lupe (07:48)

  • In der Ernährungsforschung gibt es drei Evidenz-Ebenen: Einzelstudie → Meta-Analyse → Umbrella-Studie (Meta-Analyse der Meta-Analysen)
  • „Die Studie ist der Angestellte, die Meta-Analyse der mittlere Manager – und die Umbrella-Studie der CEO.“ – Laurenz
  • Für diese Folge wurden drei Umbrella-Studien mit insgesamt 3,3 Millionen Teilnehmern ausgewertet

Was kam dabei raus?

  • Eine pflanzenbasierte, ballaststoffreiche Ernährung mit hohem Gemüse- und Hülsenfrüchte-Anteil sowie reduziertem Zuckerkonsum senkt das Risiko für kardio-metabolische Erkrankungen, Fettleber, Depressionen und verbessert sogar das Überleben bei manchen Krebserkrankungen
  • Fleischkonsum sollte reduziert werden – nicht vollständig gestrichen, aber deutlich verringert

Was sind Ballaststoffe – und wo finde ich sie?

  • Ballaststoffe sind unverdauliche Pflanzenfasern, die die Darmtätigkeit anregen und Entzündungsprozesse im Darm reduzieren
  • Sie stecken in fast jedem Gemüse und in Vollkornprodukten – wer also Gemüse isst und auf Vollkorn setzt, nimmt sie automatisch zu sich

Wichtige Einschränkung: Korrelation vs. Kausalität

  • Die meisten Ernährungsstudien sind Beobachtungsstudien – sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen
  • Wer sich pflanzenreich ernährt, lebt oft auch insgesamt gesünder (Sport, höherer Bildungsstand etc.) – das verzerrt die Ergebnisse
  • Echte randomisierte kontrollierte Studien zur Ernährung sind logistisch und ethisch kaum durchführbar
  • Kontroverse Stimmen: Peter Attia ignoriert Beobachtungsstudien grundsätzlich; Michael Greger stützt sich stark auf sie

Quellen:

1. Schwingshackl L et al. (2020) – Diet Quality as Assessed by the HEI, AHEI, DASH Score, and Health Outcomes: A Second Update of a Systematic Review and Meta-Analysis of Cohort Studies. Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics. (>3,2 Mio. Teilnehmer)

2. Neuenschwander M et al. (2019) – Role of diet in type 2 diabetes incidence: umbrella review of meta-analyses of prospective observational studies. BMJ.

3. Kahleova H et al. (2019) – Dietary Patterns and Cardiometabolic Outcomes in Diabetes: A Summary of Systematic Reviews and Meta-Analyses. Nutrients.

Fleisch und Krebs: Wie groß ist das Risiko wirklich? (20:08)

  • Die WHO stuft verarbeitetes Fleisch (Wurst, Schinken, Speck) als Typ-1-Karzinogen ein – also als nachweislich krebserregend
  • Rotes Fleisch (unverarbeitet, z. B. Steak) gilt als Typ-2A-Karzinogen – wahrscheinlich krebserregend beim Menschen

Was die Zahlen wirklich sagen:

  • Wer täglich 50 g verarbeitetes Fleisch isst, erhöht sein Darmkrebs-Risiko um 18 % – aber bezogen auf ein Lebenszeit-Grundrisiko von 5 %: Das Risiko steigt von 5 % auf ca. 6 %
  • Zum Vergleich: Rauchen erhöht das Krebsrisiko um 1.500–3.000 %
  • In der WHO-Kategorie A stecken auch: Rauchen, Asbest – und medizinische Eingriffe, Östrogen-Therapien. Die Einstufung sagt nichts über die Effektgröße aus.
  • Das soll ein mögliches Krebsrisiko nicht verharmlosen aber Panikmache relativieren

„18 % bei Wurst im Vergleich zu 3.000 % beim Rauchen sind schon komplett andere Hausnummern.“ – Laurenz

  • Fazit: Wer ab und zu Wurst isst, muss nicht in Panik verfallen. Wer täglich Mengen konsumiert, sollte es reduzieren – auch wegen des erhöhten LDL-Cholesterins und der damit verbundenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Quellen:

1. Chan DSM et al. (2011) – Red and Processed Meat and Colorectal Cancer Incidence: Meta-Analysis of Prospective Studies. PLOS ONE. (Krebsrisiko durch Wurst)

2. Weber MF et al. (2021) – Cancer incidence and cancer death in relation to tobacco smoking in a population-based Australian cohort study. International Journal of Cancer. (Krebsrisiko durch Rauchen)

3. Zhang P et al. (2022) – Association of smoking and polygenic risk with the incidence of lung cancer: a prospective cohort study. British Journal of Cancer. (Lungenkrebs-Risiko bei Rauchern)

Das LONGGAME-System: Do’s & Don’ts statt Ernährungsplan (27:11)

  • Kein Ernährungsplan nötig – stattdessen eine Checkliste von Stefan mit Do’s und Don’ts, die überall funktioniert: am Buffet, im Restaurant, am Flughafen
  • → Die Checkliste gibt es kostenlos unter longgame.de/essen

Don’ts – diese Lebensmittel möglichst reduzieren:

Do’s – diese Lebensmittel möglichst häufig:

  • Gemüse – gerne viel und bunt, besonders Kreuzblütler (z. B. Brokkoli, Blumenkohl, Radieschen)
  • Obst, Beeren, Nüsse
  • Hülsenfrüchte: Linsen, Kichererbsen, Bohnen
  • Vollkornprodukte statt Weißmehl
  • Proteinreiche Lebensmittel (Fisch, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, mageres Fleisch)

„Es geht nicht ums Perfekte. Schau, dass du heute so viele Haken wie möglich bei den Do’s setzt – und so wenig wie möglich bei den Don’ts.“ – Markus

  • Praktischer Tipp: Einfach eine kleine Schüssel Beeren und Nüsse in der Küche bereitstellen – und im Vorbeigehen davon nehmen

Protein: Warum du wahrscheinlich zu wenig davon isst (19:18)

  • Viele Menschen unterschätzen, wie wenig Protein sie über eine normale Alltagsernährung zu sich nehmen – und wie schwer es ist, am Flughafen oder Bahnhof einen proteinhaltigen Snack zu finden

Die optimale Proteinmenge:

  • Aktueller wissenschaftlicher Konsens: ca. 1,6 g Protein pro kg Idealgewicht (=Gewicht, das man erreichen möchte) pro Tag als Orientierungswert
  • Unterhalb von 1,2 g/kg kaum Muskelwachstum; über 2,0 g/kg keine wesentlichen Zusatzeffekte
  • Empfohlene Zielrange: 1,2 bis 2,0 g pro kg Körpergewicht
  • Beispiele: Ein 80-kg-Mann braucht ~120–130 g Protein/Tag; eine 60-kg-Frau ~90–100 g/Tag

Grafik 1: Muskelzuwachs (Δ FFM) in Abhängigkeit von der täglichen Proteinzufuhr (g/kg/Tag)

→ Die Kurve steigt bis ca. 1,6 g/kg/Tag an und flacht danach ab – mehr Protein bringt keinen nennenswerten Zusatznutzen für den Muskelaufbau.

Muskelzuwachs Diagramm

Quelle: Morton et al. (2018) – A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. British Journal of Sports Medicine, 2018;52:376–384.

Einfache Tellerregel:

  • ½ Teller → Proteinquellen (Fisch, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Fleisch)
  • ¼ Teller → Kohlenhydrate (idealerweise Vollkorn)
  • ¼ Teller (und so viel mehr, wie geht) → Gemüse (liefert gleichzeitig Ballaststoffe)

Was ist mit der Niere?

  • Die Befürchtung, viel Protein schade der Niere, ist bei gesunden Menschen nicht belegt
  • Ein erhöhter Harnstoff-Wert im Blut entsteht beim Proteinabbau – das ist ein normaler Stoffwechselprozess, kein Zeichen einer Nierenschädigung
  • Selbst Nephrologen geben Patienten kurz vor der Dialyse noch Protein, um Muskulatur zu erhalten

Kalorien tracken: Sinnvoll – aber mit Bedacht (38:31)

  • Kalorien zu zählen ist kein Muss, aber sehr lehrreich – vor allem einmalig für 2–3 Wochen
  • Wichtigstes Learning: Die meisten Menschen essen viel mehr Kohlenhydrate und viel weniger Protein als angenommen
  • Klare Ziele erfordern Orientierung:
    • Muskelaufbau: kleiner Kalorienüberschuss (~+500 kcal/Tag)
    • Gewichtsabnahme: definiertes Kaloriendefizit
  • Achtung: Zu intensives Tracking kann in Richtung Essstörungen abdriften – Gefühl entwickeln und dann loslassen

Mythen-Check I: Süßstoffe – harmlos oder gefährlich? (42:26)

  • Aspartam ist von der WHO als 2B-Karzinogen eingestuft: Es gibt einen Nachweis aus Tierversuchen, aber keinen Nachweis am Menschen
  • Zum Vergleich: Verarbeitetes Fleisch ist Typ 1 (schlechter eingestuft als Aspartam)

Die entscheidende Zahl:

  • Der sichere Tagesgrenzwert liegt bei 40 mg Aspartam pro kg Körpergewicht
  • Ein Liter Cola Zero enthält ~200 mg Aspartam
  • Eine 80-kg-Person müsste täglich 16–17 Liter Cola Zero trinken, um diesen Grenzwert zu überschreiten

„Die Dosis macht das Gift. Ein Glas Cola Zero am Tag wird die Welt nicht untergehen lassen.“ – Markus

  • Sucralose: Etwas kritischer bewertet – mögliche Auswirkungen auf das Darmmikrobiom; bei Unverträglichkeiten (Blähungen, veränderte Verdauung) sollte man es meiden
  • Fazit: Wer aktiv Zucker oder Softdrinks konsumiert, tut sich mit Süßstoffen mit 99 %iger Wahrscheinlichkeit einen Gefallen – denn Zucker selbst ist nachweislich krebserregend beim Menschen und treibt Insulinresistenz an

Mythen-Check II: Milchprodukte und Krebs – Was steckt dahinter? (49:28)

  • In Kuhmilch ist der IGF-1-Faktor enthalten (Insulin-like Growth Factor 1) – ein wachstumsförderndes Hormon, das Zellwachstum anregt
  • Milch kann außerdem die körpereigene IGF-1-Produktion ankurbeln
  • Mehr Zellwachstum → theoretisch erhöhtes Risiko für unkontrolliertes Zellwachstum (Krebs)

Was sagt die Praxis?

  • Der Effekt ist im Körper vorhanden, aber gering – nicht vergleichbar mit dem Effekt von Rauchen
  • Milchprodukte liefern gleichzeitig viel Protein und Kalzium – wichtig für Knochendichte und Muskulatur
  • Empfehlung: Milchprodukte sind kein Muss, aber auch kein Tabu – in Maßen genossen überwiegen die Vorteile
  • Wer sich vegetarisch oder vegan ernähren möchte: absolut legitim und gesundheitlich tragfähig – aber kein Pflichtprogramm

GLP-1 und die Abnehmspritze: Für wen sinnvoll? (54:02)

  • GLP-1 (Glucagon-like Peptid 1) ist ein körpereigenes Hormon, das das Sättigungsgefühl reguliert und die Insulinausschüttung steigert
  • Bei übergewichtigen Menschen geht dieses Sättigungssignal oft verloren

Wie wirkt das Medikament?

  • Deutlich frühere Sättigung – Betroffene berichten, dass sie sich aktiv ans Essen erinnern müssen
  • Portionsgrößen sinken auf ein Drittel bis die Hälfte
  • Bessere Verstoffwechselung von Kohlenhydraten durch erhöhte Insulinausschüttung
  • Ergebnis: Kaloriendefizit → Gewichtsabnahme

Für wen kommt es infrage?

  • Offiziell zugelassen: Diabetes-Therapie und BMI über 30
  • Derzeit Grauzone für reine Gewichtsabnahme; in Deutschland Selbstzahlerleistung
  • Ab 5 kg Fettmasse mehr wird eine eigenständige Gewichtsabnahme deutlich schwerer
  • Bei einem BMI über 30 ist es laut Markus eine valide Unterstützung

Wichtige Einschränkungen:

  • Wer absetzt, ohne den Lebensstil zu ändern, nimmt das Gewicht mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zu (Rebound-Effekt)
  • Mögliche Nebenwirkungen: Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, in seltenen Fällen starkes Erbrechen
  • Es ist kein Lifestyle-Medikament – es braucht eine medizinische Indikation

„Ich kann die Spritze nur anfangen, wenn ich sage, ich nehme sie entweder mein Leben lang – oder ich verändere wirklich etwas an meinen Lebensumständen.“ – Markus

Zusammenfassung: Das Longevity-Ernährungssystem auf einen Blick

Hebel Empfehlung
Zucker Raus aus dem Alltag – verursacht Insulinantwort, fördert Übergewicht
Verarbeitetes Fleisch Reduzieren, optional ganz weglassen
Protein 1,6 g/kg Idealgewicht/Tag – halber Teller
Gemüse & Hülsenfrüchte Möglichst viel – Ballaststoffe inklusive
Kohlenhydrate Auf Vollkorn setzen, Menge reduzieren
Süßstoffe Bei Maßhalten (Aspartam) unkritisch – nachweislich besser als Zucker
Milchprodukte In Maßen okay – Protein & Kalzium nutzen

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